Messe Colmar: Grenzenlose Betriebe

Zum fünften Mal hat sich die IHK Südlicher Oberrhein am vergangenen Wochenende auf der Regionalmesse für Bildung und Beschäftigung in Colmar, dem „39. Salon Régional Formation Emploi“, präsentiert. Dieses Mal waren 24 Unternehmen aus dem Kammerbezirk am IHK-Gemeinschaftsstand dabei, um in Frankreich um Azubis und Fachkräfte zu werben. Theoretisch waren die Chancen gut: Mehr als 19.000 Interessierte besuchten die Messe.

Die Dorotheenhütte Wolfach und die Zeller Keramik Manufaktur liegen in einer Hand. Und auch in Colmar teilen sich die Glashütte und der Hersteller von Geschirr einen Stand. „Wir sind zum ersten Mal hier auf der Berufs- und Bildungsmesse“, berichtet Mireille Furtwengler, die bei Zeller Keramik den Werksverkauf leitet. Wie gut die Ausbildung in dem Betrieb ist, beweist die zweite Frau am Stand: Deborah Reinbold ist erst im vergangenen Dezember in Berlin als Deutschlands beste Industriekeramikerin Modelltechnik vom DIHK ausgezeichnet worden. Ganz leicht wäre diese Ausbildung für einen französischen Jugendlichen jedoch nicht, gesteht Furtwengler: „Unsere Azubis müssen den theoretischen Teil ebenfalls auf einer deutschen Berufsschule absolvieren, anders als bei anderen Ausbildungsberufen, in denen die jungen Leute in Frankreich zur Schule gehen können.“ In der Praxis, in den Werkstätten in Zell am Harmersbach, müsste sich hingegen niemand Sorgen wegen der Sprache machen. „Wir arbeiten mit den Händen, da können wir uns auch mit Händen und Füßen verständigen!“, sagt Furtwengler lachend. Neben ihr nickt Samuel Aubertin zustimmend. „Ich bin Franzose und arbeite bei der Dorotheenhütte“, erklärt er in gebrochenem Deutsch. Seinen Beruf hat er in Frankreich gelernt, nun lernt er bei der Arbeit in Deutschland die deutsche Sprache. „In unserem täglichen Miteinander ist das überhaupt kein Problem“, sagt sein Kollege Elias Spath.
Am Stand vom Hotel Ritter Durbach ist ebenfalls eine Französin dabei. Maéva Klein ist Hotelfachfrau im dritten Lehrjahr mit Zusatzqualifikation Hotelmanagement. Französischer Akzent: Fehlanzeige. „Ich lebe seit meinem 14. Lebensjahr in Deutschland. In der Schule habe ich die Sprache sehr schnell gelernt“, erzählt sie. Strahlend ergänzt sie: „Ich kann sogar Badisch!“ Eine Ausbildung in ihrem Geburtsland zu machen, wäre für sie niemals in Frage gekommen. „In Frankreich würde mir der große Praxisteil fehlen. Da ist die duale Ausbildung in Deutschland einfach besser.“ Dass Klein sowohl perfekt Französisch als auch Deutsch spricht, ist für ihren Arbeitgeber mit vielen Gästen aus dem Nachbarland von Vorteil. „Für alle anderen Servicekräfte bieten wir Französischkurse an“, informiert Domenike Kammerer, Assistentin Human Resources im Hotel Ritter. Die 140 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Betriebs kommen aus zwölf Nationen. „Diese Mischung, sowohl unter den Gästen als auch unter den Angestellten, das macht doch die Gastronomie aus“, schwärmt sie. In Colmar ist Kammerer weniger auf der Suche nach neuen Azubis denn nach ausgebildeten Fachkräften. „Die Deutschkenntnisse müssen nicht perfekt sein. Wir planen bereits, für alle unsere nicht-deutschen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Zukunft Deutschkurse anzubieten.“

Für Jugendliche sind es jedoch nicht immer die fehlenden Sprachkenntnisse, die sie von einer dualen Ausbildung in Deutschland abhalten. Manchmal fehlt schlicht der Mut. „Letztendlich ist es nur die Einstiegshürde“, glaubt Dr. Steffen Auer, Präsident der IHK Südlicher Oberrhein. „Von den jungen Franzosen, die sich für dieses Ausbildungsmodell mit Theorie in Frankreich und Praxis in Deutschland entschieden haben, hat jedenfalls noch keiner abgebrochen.“ Er hat selbst zwei Azubis aus Frankreich in seinem Betrieb Schwarzwald-Eisen in Lahr. Und dass die französischen Auszubildenden genauso erfolgreich sein können wie die deutschen, hat einer im vergangenen Jahr gezeigt. Auer: „Pierre Kurtz aus dem elsässischen Wittenheim hat seine Ausbildung bei BSW in Kehl als Fachkraft für Metalltechnik, Fachrichtung Montagetechnik, absolviert. Er ist bundesbester Azubi in seiner Fachrichtung geworden!“
Um den jungen Franzosen die duale Ausbildung in Deutschland schmackhaft zu machen, sollen bald Ausbildungsbotschafter, französische Jugendliche, die gerade in Deutschland ausgebildet werden, in Frankreich in die Schulen gehen und die Werbetrommel rühren. Eine davon ist Maéva Klein. „Ich bin schon sehr gespannt auf die Aufgabe“, sagt sie. Im vergangenen Jahr waren 13 Schülerinnen und Schüler aus dem Elsass für einwöchige Orientierungspraktika in Freiburger Betrieben, organisiert von der IHK Südlicher Oberrhein in Zusammenarbeit mit dem französischen Verein Eltern Alsace. „In diesem Frühjahr sind es schon 49 Jugendliche, die zum Schnupperpraktikum kommen“, freut sich der IHK-Präsident über einen der Erfolge bei der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit.

„Man braucht eben einen langen Atem“, weiß auch Stephan Hess von Stopa Anlagenbau aus Achern-Gamshurst. Der Leiter Ausbildung und Personalentwickler ist bereits zum dritten Mal mit der IHK in Colmar. „2015 hat es nichts gebracht, aber im vergangenen Jahr haben wir drei Franzosen eingestellt, die wir 2016 hier in Colmar auf der Messe kennengelernt haben.“ Das Unternehmen wächst und benötigt weitere Fachkräfte. „Der deutsche Markt ist leergefegt“, nennt er die Gründe, warum Stopa jenseits des Rheins nach Fachkräften sucht. „Wir investieren gern in neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, natürlich auch in Sprachkurse. Das wichtigste ist letztendlich die Grundeinstellung. Wenn die stimmt, kommt der Rest von ganz allein.“
01.02.2017