Konjunkturbericht: Wachstumsphase hält an

Die IHK Südlicher Oberrhein hat erneut mehr als 1.000 Unternehmen um Auskunft über ihre derzeitige Geschäftslage und ihre Einschätzung der zukünftigen wirtschaftlichen Entwicklung gebeten. Die Ergebnisse der Konjunkturumfrage zum Jahresbeginn 2017 präsentierten Hauptgeschäftsführer Andreas Kempff und Norbert Uphues, Referent für Verkehr, Konjunktur und Statistik, im Rahmen einer Pressekonferenz am heutigen Donnerstag in Freiburg.

Das Statistische Landesamt geht für Baden-Württemberg von einem realen Wirtschaftswachstum von 1,5 Prozent für das Jahr 2016 aus. „Das wäre das siebte Jahr mit realwirtschaftlichen Zuwächsen in Folge“, stellte Kempff fest. „Eine derart lange Wachstumsphase gab es zuletzt in den Jahren 1994 bis 2001.“ Und ein Ende ist nicht in Sicht; auch für 2017 rechnen die Experten mit einem Plus von 1,75 Prozent. Ebenso positiv steht es am südlichen Oberrhein: Seit der globalen Finanzkrise im Jahr 2009 befindet sich die hiesige Wirtschaft auf stetem Wachstumskurs. Kempff: „Der Index der Geschäftslage bleibt auf seinem Höchstwert von 50 Punkten.“ 56 Prozent der Unternehmen geben an, über eine gute Geschäftslage zu verfügen, nur sechs Prozent sind unzufrieden. Gründe für die gute Stimmung sieht der IHK-Hauptgeschäftsführer unter anderem in der sehr guten Konsumsituation, ausgelöst durch hohe Lohnabschlüsse und niedrige Zinsen. Auch das Vertrauen in den Standort südlicher Oberrhein scheint gut zu sein: der Index der geplanten Inlandsinvestitionen stieg nach einigen Gewinnen und Verlusten auf nun 26 Punkte und ist damit so hoch wie seit dem Frühjahr 2011 nicht mehr, als man die Auswirkungen der globalen Finanzkrise überwunden hatte und in der Krise zurückgestellte Investitionen kompensierte. Weiterer positiver Punkt im aktuellen Konjunkturbericht: Ein Viertel der Unternehmen möchte die Beschäftigtenzahl in diesem Jahr erhöhen. Ob sich das bei dem derzeitigen Arbeitsmarkt jedoch umsetzen lasse, bezweifelte Kempff.
Den detaillierten Einblick in die verschiedenen Branchen lieferte Norbert Uphues. „Nach einem zwischenzeitlichen Tief von acht Punkten im Frühsommer 2013 zeigt sich die Industrie immer zufriedener mit ihrer Geschäftslage“, berichtete er. Mit 44 Punkten, ein Plus von vier Punkten im Vergleich zum Herbst 2016, befindet sich der Index der Geschäftslage auf dem höchsten Stand seit knapp fünf Jahren. Der Index der Geschäftserwartung liegt auf dem höchsten Wert seit drei Jahren. Bei den Dienstleistern stellte Uphues einen Abwärtstrend fest: zum dritten Mal in Folge sank der Wert. Dennoch verfügen 57 Prozent der Dienstleister über eine gute Geschäftslage, nur fünf Prozent sind unzufrieden.

Im Handel fiel der Index der Geschäftslage zwar zum dritten Mal in Folge ab, doch gebe es auch hier noch ein sehr hohes Zufriedenheitsniveau. Uphues: „Der Ausblick bleibt verhalten positiv. Fast ein Viertel der Händler rechnet 2017 mit besseren Geschäften, während nur 13 Prozent vom Gegenteil ausgehen.“ Ein Thema, das die Handelsbranche seit Jahren bewegt, ist der E-Commerce. So hat sich der E-Commerce-Umsatz in Deutschland nach Berechnungen des Handelsverbandes Deutschlands innerhalb der vergangenen zehn Jahre etwa verdreifacht und gewinnt mit jährlichen Zuwachsraten um zehn Prozent weiter an Bedeutung. „Bei unserer Umfrage gaben 83 Prozent der befragten Handelsunternehmen an, dass sie als Unternehmen im Internet vertreten sind“, ergänzte der IHK-Referent den regionalen Aspekt. Allerdings käme es für mehr als die Hälfte der Händler nicht infrage, Waren über das Internet zu vertreiben. Gründe dafür sieht Uphues im Aufwand, der rechtlichen Absicherung sowie in einer Vielzahl von nicht für den Onlinehandel geeigneten Produkten.
Unverändert zufrieden zeigt sich das Hotel- und Gastgewerbe. Unverändert auch die größte Sorge der Branche: die Verfügbarkeit von Fachkräften. Gleich geblieben ist außerdem die Lageeinschätzung der Bauwirtschaft. „Hier geht es weiterhin aufwärts“, sagte Uphues. „Schon seit Überwindung der globalen Finanzkrise hat die Branche sehr hohe Zufriedenheitswerte registriert. Zum Jahresbeginn 2017 erreichen diese nochmals ein neues Allzeithoch: 78 Prozent der befragten Unternehmen geben an, dass ihre Geschäftslage gut ist, weitere 22 Prozent sind zufrieden.“
Im Hinblick auf die Zukunft bleiben die Unternehmerinnen und Unternehmer branchenübergreifend vorsichtig optimistisch. „Da ist schon eine gewisse Skepsis - wie lange kann das noch weiter steigen?“, nannte Andreas Kempff Gründe für die verhaltenen Aussagen. Zudem seien zahlreiche Unsicherheitsfaktoren für diese Diskrepanz zwischen Geschäftslage und Geschäftserwartung verantwortlich, wobei die Umfrage zwar nach der US-Wahl, jedoch vor Donald Trumps Antritt als Präsident stattfand. „Wirtschaft ist eben zu 50 Prozent auch Psychologie“, gab der IHK-Hauptgeschäftsführer zu bedenken.
Aus den Angaben zur aktuellen Geschäftslage und den Erwartungen für die Zukunft ergibt sich der IHK-Konjunkturklimaindex. Im Frühjahr 2015 lag er noch bei 129 Punkten, im Laufe des Jahres stieg er auf 134 Punkte an und sank nun im Zuge der etwas skeptischeren Zukunftserwartungen zum zweiten Mal in Folge auf 131 Punkte ab. Für Kempff kein Grund zur Sorge: „Damit können wir ganz gut leben.“

Sorgen bereitet dem IHK-Hauptgeschäftsführer hingegen der Risikofaktor Fachkräftemangel. „Inzwischen nennt jedes zweite Unternehmen diesen Punkt, das ist schon gewaltig.“ Vor vier Jahren sei das gerade jeder dritte befragte Betrieb gewesen. „Und mit Blick auf die demografische Entwicklung ist damit zu rechnen, dass die Verfügbarkeit von Fachkräften in Zukunft sogar noch stärker als limitierender Faktor auftreten wird.“
Als weiterer Risikofaktor hat sich in der Konjunkturumfrage zum Jahresbeginn die aktuelle Wirtschaftspolitik entpuppt. Kempff: „Während diese Antwortoption in den vergangenen zwei Jahren stets im Bereich von 29 bis 33 Prozent lag, steigt der Wert nun auf 37 Prozent an.“ Hier glaubt der Experte eine wachsende Entfremdung von Politik und Wirtschaft zu erkennen. Zuletzt habe Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles mit ihrem Vorstoß zum weiteren Ausbau der Teilzeitrechte für Diskussionen gesorgt. „Von 11,1 Millionen Teilzeitbeschäftigten in Deutschland möchten lediglich 1,5 Millionen, also gerade einmal 13,5 Prozent, ihre Arbeitszeit ausweiten und hätten auch die Zeit dazu“, kritisierte Andreas Kempff. Somit sei es nicht der Regelfall, dass einer Ausweitung der Wochenarbeitszeit von Arbeitgeberseite widersprochen werde. „Trotzdem soll nun mit einem neuen Gesetzentwurf die Beweislast zu Lasten der Unternehmer umgekehrt werden, womit der Bürokratieaufwand erneut erhöht wird und unternehmerische Flexibilität verloren geht.“ Besonders für kleine und mittelständische Unternehmen sei das langfristige Freihalten von Stellen und das Anwerben von Fachkräften auf die dann entstehenden halben Stellen nur schwer möglich - gerade in Zeiten eines Arbeitsmarktes, der sich mit 3,5 Prozent Arbeitslosigkeit im Kammerbezirk auf dem Niveau der Vollbeschäftigung bewegt.
Ein mittelständisches Beispiel hatte Kempff direkt mitgebracht: Brigitta Schrempp, Geschäftsführerin von Schrempp EDV in Lahr, sagte, was sie von Nahles Vorstoß hält: „Das ist absolut untragbar und unausgegoren von A bis Z!“ Das Gesetz nehme ihr jede Planungssicherheit, dabei biete sie schon viel Flexibilität für ihre Mitarbeiter, von sehr beweglichen Arbeitszeiten bis zum Home Office. „Bei solchen Gesetzentwürfen fühle ich mich als Unternehmerin von der Politik nicht ernst genommen“, ärgerte sich die Chefin von rund 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Den vollständigen Konjunkturbericht zum Download finden Sie hier:
02.02.2017