Von der Teestunde ins Praktikum

Rund 30 türkische Jugendliche kommen zur Aktion „Kariyer-Macher“ der IHK Südlicher Oberrhein nach Müllheim

Bewerbungsgespräch einmal anders – das bietet die IHK Südlicher Oberrhein türkischen Jugendlichen mit ihrer „Teestunde mit Ausbildungsangeboten“. Zum fünften Speeddating-Termin im Rahmen der Kampagne „Kariyer-Macher“ am vergangenen Freitag kamen beinahe 30 interessierte Jungen und Mädchen. Nach Terminen in Freiburg, Offenburg und Emmendingen ging es dieses Mal nach Müllheim.

„Ich bin froh über die Möglichkeit, die mir Kariyer-Macher bietet“, sagt Abdullah Yanik. Im Sommer wird er das einjährige Berufskolleg I Technik abschließen, nun ist er auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz. „Entweder ein kaufmännischer oder ein technischer Beruf“, ist er derzeit noch unentschlossen. Bei vielen Unternehmen hat er schon angerufen, wollte sich informieren, um eine endgültige Entscheidung zu treffen. „Aber eine befriedigende Auskunft habe ich nie erhalten“, sagt der 18-Jährige enttäuscht. Mit der Teestunde sind Eifer und Motivation zurückgekehrt. „Hier erhalte ich die Informationen, die ich brauche. Und dazu das Angebot, ein Praktikum zu machen, um den Ausbildungsberuf und das Unternehmen besser kennenzulernen.“

So wie Abdullah nutzen auch die anderen knapp 30 Jugendlichen die Möglichkeit, sich bei den fünf im Müllheimer Bürgerhaus anwesenden Unternehmen ausgiebig beraten zu lassen. Auma, Edeka Südwest, der Logistikdienstleister Karl Dischinger, Lidl sowie das Autohaus Schmolck sind an diesem Nachmittag dabei. Das Angebot der mitgebrachten Ausbildungsberufe reicht vom Industrie- und Fertigungsmechaniker über die Kauffrau für Büromanagement und den Fleischer bis zur Servicefachkraft für Dialogmarketing. Einigkeit herrscht bei den fünf Ausbildungsbetrieben in zwei Punkten: Alle hatten mehr Jugendliche erwartet, andererseits sind sie alle überrascht vom großen Interesse der Jungen und Mädchen. „Keiner ist hier wegen einer von der Schule aufgedrückten Anwesenheitspflicht“, freut sich Stefan Rümmele von Edeka Südwest. Gökhan Cinardere von Auma ist beinahe froh, dass keine langen Schlangen vor seinem Tisch standen. „Wir haben sehr ausführliche und intensive Gespräche geführt, das wäre bei großem Andrang nicht möglich gewesen.“

Ein Grund dafür, dass die jungen Leute so gut gerüstet sind für die Mini-Bewerbungsgespräche zum Tee ist das kostenlose IHK-Berufsprofiling, das die meisten vor dem Speeddating in Müllheim absolviert haben. Dabei haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach einem mehrstündigen Test bei der IHK Südlicher Oberrhein ganz konkrete Berufsvorschläge sowie Studienempfehlungen erhalten, aufgelistet nach ihren Fähigkeiten von Beruf Nummer 1 bis Beruf Nummer 200. „Eine gute Möglichkeit, um mehr über die duale Ausbildung und die eigenen Talente zu erfahren“, wirbt Andreas Kempff, Hauptgeschäftsführer der IHK Südlicher Oberrhein für das Profiling. „Immerhin bieten allein die Betriebe in unserem Kammerbezirk 130 verschiedene Ausbildungsberufe, 390 gibt es insgesamt. Die meisten Jugendlichen kennen aber nur fünf bis zehn.“

Dieses fehlende Wissen hat auch den Berufsstart von Bülent Bilgiç vor knapp 20 Jahren geprägt. Zunächst hatte er ein Studium angefangen, dann aber bald gemerkt, dass das nicht das richtige für ihn war. „Meine Familie war ziemlich enttäuscht, als ich das Studium ohne Abschluss abgebrochen habe“, erinnert er sich. Seine Entscheidung, stattdessen eine Ausbildung im Autohaus Roll in Auggen zu machen, hat er nie bereut. Heute ist er in seinem ehemaligen Ausbildungsbetrieb nämlich Geschäftsführer und wurde so, mit „Karriere dank Lehre“, zum Gesicht der IHK-Kampagne „Kariyer-Macher“. „Ich habe nicht das Gefühl, dass mir ohne Studienabschluss etwas fehlt für meine Tätigkeit als Geschäftsführer“, so das Fazit von Bilgiç über seine bisherige Berufslaufbahn.

Unterstützt wird „Kariyer-Macher“ nicht nur von einem echten guten Beispiel, sondern auch vom Generalkonsulat der Republik Türkei in Karlsruhe. Muhammet Kiran, Attaché des Generalkonsuls, ist in Müllheim vor Ort. „Die Ausübung eines Berufes ist von grundlegender Bedeutung für die aktive gesellschaftliche Teilhabe“, sagt er zu den jungen Deutsch-Türken. Wie wichtig im Gegenzug die Jugendlichen für Müllheim sind, betonte Bürgermeisterin Astrid Siemes-Knoblich. „Die Unternehmen sind ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für unsere Stadt. Doch sie benötigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“

Dass für den Start ins Berufsleben nicht unbedingt ein perfektes Zeugnis die Grundvoraussetzung ist, sagt Markus Bösch vom Logistikdienstleister Karl Dischinger. „Natürlich sind die Noten wichtig, aber das Bauchgefühl beim Kennenlernen muss ebenfalls stimmen. Und für das erste Abtasten zwischen Azubi-in-spe und Betrieb ist das Speeddating ideal.“ Auch Michael Berger vom Autohaus Schmolck erklärt, dass die Jungen und Mädchen, die der Einladung zum Tee gefolgt sind, nur Vorteile haben. „Bei uns ist die Voraussetzung für eine Ausbildung ein Praktikum. Jemand, den ich schon persönlich getroffen habe, hat natürlich bessere Chancen auf ein Praktikum als jemand, den ich nur aus den Bewerbungsunterlagen kenne.“

Den Schritt der persönlichen Vorstellung hat auch Kübra Güngör an diesem Freitag gewagt. 2016 hat sie die Realschule abgeschlossen, derzeit jobbt sie, möchte aber eine Ausbildung machen. „Am liebsten im kaufmännischen Bereich“, sagt die 18-Jährige. Christian Ehrhardt von Lidl bietet ihr an, den unternehmenseigenen Online-Test zu machen, um zu erfahren, ob sie zu Lidl passt. Ehrhardt: „Jetzt liegt es an ihr, ob sie schon bald eine duale Ausbildung bei uns beginnt oder nicht.“


Hintergrund:
Nach „Unternehmer machen Schule“ ist „Kariyer-Macher“ die zweite Initiative des „Projekts Wellenschlag“ der IHK Südlicher Oberrhein; die Herangehensweise mit App und Speeddating etwas anders als gewöhnlich. Zielgruppe der Aktion sind deutsch-türkische Jugendliche. „Sie stellen im Kammerbezirk die größte Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund“, erklärt Dr. Steffen Auer, Präsident der IHK Südlicher Oberrhein. „Zudem sind sie unter den Auszubildenden weit unterdurchschnittlich repräsentiert, entsprechend hoch ist das vorhandene Potenzial.“ Die Kampagne soll den Jugendlichen, aber auch ihren Familien verdeutlichen, dass eine duale Ausbildung ein besserer Start ins Berufsleben ist als die Arbeit als Aushilfskraft. Wenn die Lehrjahre vielleicht auch nicht so lukrativ sind, so können sie doch der perfekte Start für eine ausgewachsene Karriere sein. Entsprechend heißt die Kampagne: „Kariyer-Macher“ - ganz bewusst im deutsch-türkischen Sprachgemenge, dennoch für alle verständlich. Weitere Informationen zur Aktion im Netz unter www.kariyer-macher.de.
07.03.2017